Erweiterte Perspektive auf den Eissport

02.12.2012 um 18:36 Uhr von Florian Hutterer

Germering – Im Juli wurde Christian Meier zum neuen Präsidenten der Wanderers gewählt. Nach etwas mehr als 100 Tagen Amtszeit zieht der neue starke Mann am Wanderers-Steuer eine erste Bilanz. Der Sport tritt dabei weitgehend in den Hintergrund. Der selbstständig tätige Betriebswirt ist seit 25 Jahren als Spieler Trainer und Vorstandsmitglied bei den Wanderers. Christian ist „Young Leaders Forum“ - Mitglied der BMW Stiftung Herbert Quandt. Er sieht die Aufgaben des Vereins auch auf sozialer Ebene. Vor allem die Entwicklung der Kinder liegt dem 31-Jährigen am Herzen. Im Interview stand er dem Tagblatt Rede und Antwort.

Wie man hört, soll der traditionelle Sponsorentag der Wanderers am 7. Dezember in einem etwas anderen Rahmen stattfinden.

Christian Meier: Das ist richtig. In letzter Zeit wurde der Fokus bei den Wanderers zu sehr auf nur ein Segment gerichtet: Die erste Mannschaft. Am Sponsorentag wollen wir den Verein in seiner Gesamtheit mit all seinen Facetten präsentieren. Wir wollen die gesellschaftliche Verantwortung und die Nachhaltigkeit eines Sportvereins in den Mittelpunkt rücken.

Wie stellt sich aus Ihrer Sicht diese Verantwortung des Vereins dar?

Meier: Wir haben täglich rund 500 Kinder, die im Verein dem Eishockey und Eiskunstlauf nachgehen. Davon schaffen es maximal fünf Prozent, später Geld mit dem Sport zu verdienen. Wir haben aber auch gegenüber den anderen 95 Prozent eine gesellschaftliche Verantwortung. Es geht nicht nur darum, den Kindern beizubringen, in zwei Sekunden auf Schlittschuhen von A nach B zu laufen. Wir müssen weg von der rein sportlichen Betrachtung der Kindesentwicklung. Es gilt auch Werte wie Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Disziplin, Durchhaltevermögen, Ehrgeiz und Loyalität in den Köpfen der Kinder zu verankern.

Warum eignet sich ein Sportverein in besonderer Weise dafür?

Meier: Das deutsche Bildungssystem ist nicht darauf ausgelegt, diese Werte zu vermitteln. Dafür fehlen die Zeit und der Fokus. Als Verein können wir unsere natürliche Autorität nutzen. Die Kinder kommen gerne zu uns. Dadurch haben wir gerade in der Pubertät auch einen anderen Zugang zu den Jugendlichen als die Eltern. Im sportlichen Kontext können wir die Werte vermitteln und Vorbild sein. Das geschah bislang eher durch Zufall. Wir wollen ein System rein bringen.

Wie soll dieses System aussehen?

Meier: Wir haben wöchentlich zwölf bis 18 Stunden mit den Kindern zu tun. Mit nur zwei bis drei Stunden mehr kann man sehr viel erreichen. Mit dieser zusätzlichen Wochenzeit abseits des Eises können wir Kindern die vorhin genannten Werte und nachhaltiges Verhalten vermitteln. Dazu zählen Themen wie der richtige Umgang mit dem eigenen Körper, um dem körperlichen Verschleiß bei Sportlern entgegenzuwirken. Ein weiteres großes Thema ist die richtige Ernährung und auch der richtige und bewusste Umgang mit Alkohol. Hierzu können wir das Wissen unserer Partner und Sponsoren nutzen. Zu unseren Geldgebern zählt beispielsweise eine Krankenkasse, die mit den Kindern eine Rückenschule durchführen kann. Bei mir wurde das versäumt, weswegen ich heute mit Rückenproblemen zu kämpfen habe.

Heißt das, dass der sportliche Fokus bei den Wanderers in den Hintergrund rückt?

Meier: Nein, ganz im Gegenteil. Unsere Produkte sind Eishockey und Eiskunstlauf auf Nachwuchs- und Erwachsenenebene. Daran wird sich nichts ändern. Mir geht es vielmehr darum, einen bewussten Fokus auf unser „Nebenprodukt“ zu entwickeln. Die Perspektive auf Leistungssport endet beim Großteil unserer Mitglieder zwischen dem 20. und 35. Lebensjahr. Die Werte, die wir gerade im Alter von zwölf bis 20 Jahren in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen verankern können, halten dagegen ein Leben lang.

Welche Ziele verfolgen Sie mit diesem Denkumschwung?

Meier: Ich möchte die Attraktivität des Vereins erhöhen und beweisen, dass ein Eissportverein nicht etwa die Klischees des brutalen Rowdy-Sports Eishockey und des Püppchen-Images beim Eiskunstlauf bedient. Wir tragen vielmehr unseren Teil zur charakterlichen Entwicklung der Kinder bei. Wir möchten Charakterstärke und Jugendliche mit stabilen gesellschaftlichen Wertvorstellungen entwickeln. Denn diese sind es, die intakte Beziehungen, Freundschaften und Familien schützen und elementar wichtig für ein nachhaltiges und dauerhaftes Miteinander sind. Ich will eine Art Blaupause hierfür schaffen, die auch andere Vereine in Deutschland für ihre Jugendarbeit nutzen können.

Interview: Andreas Daschner, Münchner Merkur